Dialoge mit Mundschutz - oder doch lieber Online?

Bürgerinnen und Bürger an Entscheidungen beteiligen, in Prozesse einbinden und Dialoge führen – geht das in Zeiten der Covid19-Pandemie? Vom Lockdown im März 2020 und den neuen Verhaltensregeln waren auch wir als Organisierende und Forschende innerhalb des Forschungsbereichs Partizipation und Transformation am Centrum für Umweltmanagement, Ressourcen und Energie (CURE) betroffen. Da die sozialen Kontakte minimiert werden sollten, schien sich nicht nur das Land in Schockstarre zu befinden, sondern Kontakte jeglicher Art wurden schlagartig als eine gesundheitliche Gefährdung angesehen. Aber Gespräche und Dialoge stellen den Kern der Beteiligungskultur dar.

Auf Abstand bleiben, Distanz halten zu allen Menschen, die nicht zum eigenen Haushalt gehören, möglichst alleine im Büro arbeiten: Dies alles steht im starken Widerspruch zu einem partizipativen Ansatz. Hier führen Menschen Gespräche, stecken die Köpfe eng zusammen, um einen Planungsentwurf auf einer Karte zu verstehen und zu kommentieren. Auch treffen zumeist viele, aber mindestens mehrere, fremde Menschen aufeinander. Beteiligung lebt vom sozialen Miteinander, dem Streiten und auch Sich-Einigen-Können, dem Augenkontakt.
Die aktuellen Verhaltensregeln minimieren jedoch den sozialen Kontakt direkt oder auch indirekt, weil alle Menschen vorsichtiger geworden sind. Als im Sommer endlich wieder Gruppen zusammenkommen durften, wurde strengstens auf einen Abstand von mindestens 1,50 m geachtet. In geschlossenen Räumen sollte schon im August ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. Es war absehbar, dass im Herbst Zusammenkünfte nur mit Maske erlaubt sein dürften.

In einer Umfrage des Berlin Institutes für Partizipation (bipar) im April 2020 zeigte sich, dass nahezu alle deliberativen Verfahren unterbrochen wurden. Eine rein digitale Beteiligung war zu diesem Zeitpunkt noch nicht denkbar oder möglich. So fand eine Weiterführung der analogen Beteiligungsverfahren in der digitalen Form spontan nicht statt.
Ganz aktuell stehen wir wieder vor einem mehr oder minder starken Lockdown. Bis in den nächsten Sommer hinein, so scheint die Lage sich aktuell darzustellen, haben wir nur die Wahl zwischen face-to-face-Gesprächen in kleinen Gruppen mit Mund-Nasen-Schutz und der technischen Distanz, den digitalen Beteiligungsformaten. Digitale Formate können sicherlich partizipative Prozesse weiterführen und damit verstetigen. Aber wird das genügen?

Sicher ist ein Gespräch mit Maske besser und sinnvoller als gar kein Gespräch. In der Theorie stellen die vom Raum gelösten Online-Beteiligungen eine gute Möglichkeit dar, die Prozesse weiterzuführen. Aber eben nur in der Theorie. Das soziale Miteinander ist geprägt durch Gesichtsmimik, Körpersprache und emotionale Äußerungen. Losgelöst von der Tatsache, dass ab Mitte Oktober Treffen von mehr als fünf Personen nicht erlaubt waren, sind wir zu dem Schluss gekommen, im kommenden Herbst und Winter keine analogen Beteiligungsformate zu organisieren. Neben dem Ansteckungsrisiko war einer der Gründe, dass eine nicht sichtbare Mimik die Kommunikation stark beeinträchtigt. Freude, Zweifel, Trauer, Ironie – alles wird durch Muskeln rund um Nase und Mund mit ausgedrückt. Die meisten Gefühlslagen geben die Augen noch recht ehrlich wider, lediglich bei Furcht und Überraschung kann es zu Verwechslungen kommen. Es ist nicht unmöglich sich zu verstehen, wird aber anstrengender.

Zudem weisen die Online-Veranstaltungen spezielle Herausforderungen auf. So kann die fehlende digitale Ausstattung und Infrastruktur sowie ggf. auch Übung mancher Akteur*innen die Teilnahme an den Veranstaltungen komplett verhindern oder mindestens erschweren. Auch finden die Teilnehmenden kaum eine Möglichkeit, neben dem Hauptgeschehen persönliche oder informelle Gespräche zu führen. Einerseits ist es von Vorteil, sich eine oft weite und teilweise kostenintensive Anreise zu sparen und mehr Gespräche in eine (Arbeits-)Woche legen zu können. Allerdings führt dieser Effekt unweigerlich zu einer größeren Anzahl an (Online-)Gesprächen und Veranstaltungen als zur „Vor-Corona-Zeit“. Diese Überbeanspruchung, Dichte und Dauer-Online-Teilnahme kann auch zu Überdruss führen.

Jemand brachte es mit der Aussage „lieber online ins Gespräch gehen als mit Abstand und Maske“ auf den Punkt. Eine Antwort ist auf jeden Fall unsere Online-Plattform, die heute an den Start geht. Unser Ziel ist es, im nächsten Frühjahr möglichst analog Bürgerbeteiligungsformate für das Rheinische Revier anzubieten. 

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